Frühjahr 2019 | vom Brenner über Bassano nach Venedig

Meine erste längere Radtour führt mich gen Süden, genauer vom Brenner über Bozen, Trento, den Caldonazzo-See nach Bassano del Grappa. Von dort weiter an um die Lagune von Venedig an die Adria nach Jesolo und Punta Sabbioni; über den Lido von Venedig nach Venedig-Stadt.

Da es noch früh im Jahr ist und man auf den Radwegen am Fern- und Reschenpass durchaus noch mit einigem Schnee rechnen muss, spare ich mir das Risiko, das ich auf die stark befahrene Passstraße ausweichen muss. Die Anfahrt zum Brenner klappt mit dem Zug, die Rückfahrt ab Venedig konnte ich mit dem Flixbus organisieren.

Meitingen bis Sterzing

Es geht wieder los!
Auf den Punkt hat sich schönes Wetter eingestellt und auch die Aussichten für Tirol und die nördliche Adria sind gut. Schon routinemäßig warte ich früh am morgen auf den ersten Zug in Richtung München. Es sind nur wenige Fahrgäste unterwegs, doch in Gersthofen erlebe ich erstmals, was ich sonst nur in der Zeitung lese.

Eine Horde junger Männer und Frauen zwischen 20 und 30 Jahren steigen lautstark und aggressiv in den Zug. Egal ob Mann oder Frau; alle sind ziemlich alkoholisiert oder stehen unter Einfluss von Drogen. Ich vermute, das die Gruppe die Nacht in der bekannten örtlichen Discothek verbracht hat.
Auch wenn die Rangeleien nur untereinander sind, so fühle ich mich nicht wohl und eine Mitreisende mit einem kleinen Kind fühlt sich bedroht und das kleine Kind wirk sehr verstört.

Ich halte mich zurück, informiere heimlich via Handy die Polizei. Der Zug fährt nur zögerlich an und merklich langsamer als ich das gewohnt bin. Auch der Zugführer scheint bereits informiert zu sein.
Bereits im Bahnhof Oberhausen sind zwei Polizisten am Bahnsteig präsent. Die Gruppe steigt jedoch nicht aus. Der Zug fährt langsam weiter bis Augsburg und dort wird die Gruppe mit mehreren Streifen aktiv in Empfang genommen. Ich beobachte wie zwei Männer der Gruppe von der Polizei abgeführt werden.


In München angekommen, suche ich im ÖBB EuroCity die reservierten Plätze für mich und mein Fahrrad.
Auch in diesem Zug gibt es nur wenig Fahrrad-Stellplätze; diesem Zug ist es jeweils ein Haken für ein Fahrrad auf einer Fläche, die gemäß der Beschilderung auch für den Ski-Transport vorgesehen ist. Ich stelle mir gerade vor, wie man das mit einem schweren E-Bike bewerkstelligen will?

Fahrplanmäßig trifft der Zug um 10.00 Uhr am Brenner-Grenzbahnhof ein. Ich steige aus, schaue mich um, hole tief Luft und sofort stellt sich bei mir ein angenehmes Gefühl ein. In einer kleinen Bar setze ich mich in die Sonne, trinke einen Espresso Macciato und bereite mich auf die ersten Kilometer in Richtung Bozen vor.

Der Radweg  verläuft bis Sterzing meist parallel an der alten Brenner-Bundesstraße entlang.
Wegen immer wieder, meist unerwartet auftauchenden Rest-Schneebergen, muss ich auf die nur wenig befahrene Brennerstraße ausweichen. Es sind nur wenige Urlauber unterwegs und als Reiseradler bin ich gänzlich alleine.

Nach der langen Brenner-Abfahrt mit teilweise bis 45 km/h vertraue ich nun auch den Bremsen an meinem neuen Fahrrad. Auf Empfehlung meines Händlers habe ich wegen der einfacheren Wartung von Scheiben auf hydraulische Felgenbremsen von Magura umgestellt. Ich schlendere durch Sterzing und genieße das unerwartet schöne Wetter.


GPS-Track Download
Wenn Du willst, kannst du dir meine GPS-Tracks hier zum nachfahren oder als Grundlage eigener Planungen downloaden.



Reparaturstop in Brixen

Ab Sterzing verläuft die Strecke mal auf Radwegen, mal auf gut befestigten landwirtschaftlichen Wegen oder kleinen Verbindungsstraßen. Ab dem Ort Franzensfeste zeugen viele sichtbare Militär-Bunker von vergangenen Kriegszeiten.


In Brixen angekommen, gönne ich mir das erste Eis der Saison und schlendere durch die schöne Altstadt-Fußgängerzone. 
Wieder beim Rad zurück, übersehe ich fast das platte Hinterrad. Das ist mir bei meinen bisherigen Touren und einigen tausend Kilometern noch nicht passiert.

Ärgerlich ist nur, das ich aufgrund meiner guten Erfahrung mit den Schwalbe Marathon plus Reifen keinen Ersatzschlauch oder Flickzeug für die auf dem neuen Rad noch montierten Original-Reifen in anderer Grüße als zuvor dabei habe.

Dank Smartphone lässt es sich schnell recherchieren und habe mir eine Lösung überlegt.

Es ist Sonntag und erst am Montag morgen öffnet ein Fahrradgeschäft mit Werkstatt. Die Nacht verbringe ich auf dem kleinen Campingplatz Löwenhof in einem Stadtteil von Brixen.
Früh morgens laufe ich mit dem ausgebauten Hinterrad in den Ort. Der Händler "Nardello" ist sehr freundlich und montiert mir binnen einer Stunde einen neuen Reifen (und nun wieder meine geliebten "unkaputtbar-Reise-Reifen").

Die Wartezeit überbrücke ich mit einem kleinen Frühstück im von Einheimischen gut besuchten Cafe und einem Rundgang durch die aufwachende Stadt.

Einen Ersatz-Schlauch nebst einer neuen Mini-Luftpumpe werde ich wohl nie wieder vergessen.

 

Bei der ganzen Aktion habe ich wohlwollend festgestellt, das mein neues Rad mit Magura-Felgenbremsen, Kettenantrieb, Rohloff-Nabe und einem Excenter-Tretlager wesentlich einfach zu demontieren/montieren ist, als mein altes Rad von BMC mit Scheibenbremse, Gates-Riemenantrieb und Shimano-8-Gang-Alfine-Nabe.

von Brixen nach Bozen

Die Nacht war recht kalt und ich wache früh auf. Die Sanitäranlagen sind in desolatem Zustand, erste Renovierungsarbeiten sind jedoch sichtbar.

Der Weg führt mich auf oder neben einer ehemaligen Bahntrasse weiter in Richtung Süden. Abseits der Orte hat sich ein Künstler mit diesen Holzfiguren am Weg für die nächste Zeit verewigt.

Für mich unerwartet verläuft der gut ausgebaute Radweg weiter auf der Bahntrasse und wird zum "Kunst-Radweg". Ich bin sehr angetan.

Obwohl ich oft anhalte und die Kunstwerke am Wegesrand bestaune, komme ich gut voran. Bozen empfängt mich mit Industrie- und Handwerker-Zonen und dem typischen, neuen Baustil in Österreich - viel Holz, viel Glas, Schrägen und klare Linien.

Auf dem Camping Moosbauer schlage ich mein Zelt auf. Der Camping ist vom nachhaltigen Konzept her sehr interessant, bevorzugt aber das heutige "Glamour-Camping" mit dicken, großen Wohnmobilen oder Caravans. Es gibt kein Stück Wiese für einen einzelnen Zelt-Camper und ich muss bei voller Zahlung einen 80qm-Kies-Stellplatz beziehen.

Die ausliegende Zeitschrift "Land-Yachting" sagt für mich dabei alles.

Am Abend fahre ich noch in die Bozner Altstadt. Die Stadt ist auf Ihre Bewohner und viele Touristen eingestellt. Es gibt in den Gassen viele kleine Läden, einen ständigen Markt mit regionalen Angeboten und eine Menge gastronomischer Angebote. Etwas abseits entdecke ich eine Open-Air-Bar "Cobo und Fischbänke".

Sicher kein Geheimtip mehr - ein Besuch ist die originelle Location aber allemal wert.